Kräuterwanderung – Herbwalk in Berkeley, CA

[english version is in the works…]

Ich muss einen Artikel schreiben, sonst ist der Tag, über den ich berichten will, schon zu lange vergangen! Am Sonntag habe ich an einer Führung durch den Botanischen Garten in Berkeley teilgenommen, mit besonderem Fokus auf die Abteilung für chinesische medizinische Kräuter. Es war ein wundervoller Tag, der Garten ist wirklich sehr umfassend und meiner Meinung nach wesentlich schöner als der San Francisco Botanical Garden! Also wer mal hier in der Gegend ist, sollte den kleinen Kurztrip (hier zu sehen auf der Karte) nach Berkeley wagen und den dortigen Garten besuchen.

Ich hatte das Glück, dass die Gruppe an diesem Tag sehr klein war. Nur Anastacia White, die Leiterin der Kräuterwanderung und ein weiterer Gast waren anwesend, sodass die ganze Unternehmung einen sehr privaten Charakter hatte und dadurch wesentlich intensiver und lehrreicher war als etwa in einer 20-köpfigen Gruppe. Anastacias Art zu unterrichten hat mir wirklich gut gefallen und ich bin ihr sehr dankbar für die Möglichkeit, einen wichtigen Teil der chinesischen Materia Medica einmal live und in Farbe zu erleben.

Das Erlebnis, die Pflanzen auch in ihren verschiedenen Wachstumsstadien zu sehen hat eine neue Dimension zu meinem Verständnis der chinesischen Kräuter hinzugefügt. Ich finde es schwer, dass auszudrücken, aber ich konnte mir immer kaum vorstellen, dass diese ganzen getrockneten Wurzeln, Zweige, Samen und Blätter tatsächlich das Endprodukt einer Pflanze sein sollen, die in anderen Teilen der Welt wächst wie bei uns Beifuß oder Brennnesseln (abgesehen von den seltenen und gefährdeten Kräutern, versteht sich).  Sie wachsen zu sehen hat für mich die gefühlte Kluft zwischen unseren heimischen Kräutern und den asiatischen (und amerikanischen, afrikanischen, usw…) erheblich verringert.

Huang qi - Radix astragali (Quelle: http://chinese.herbs.webs-sg.com/articles_1.html)

Huang qi - Radix astragali (Quelle: http://chinese.herbs.webs-sg.com/articles_1.html)

Huang qi - Astragalus membranaceus

Astragalus membranaceus

Die Fotos sind leider nicht die allerbesten und mit meinem Netbook kann ich sie nicht bearbeiten, aber für den Moment muss es wohl reichen…

Mit Anastacias Hilfe bin ich auch der Beantwortung meiner ewigen Frage, wie die Menschen angefangen haben, die Wirkweise von Kräutern zu entdecken, etwas nähergekommen. Natürlich wusste ich auch schon vorher, dass sich der Charakter der Wirkweise vieler Pflanzen auch in ihrer Erscheinung oder Manifestation ausdrückt, sprich dass man ihnen in einem gewissen Rahmen ihre Qualitäten ansieht. Wenn man einmal die Gelegenheit hat, die frischen Pflanzen anzufassen, zu riechen und zu schmecken, dann weiß man, was damit gemeint ist. Einige Pflanzen fühlen sich einfach kühl und feucht an und man kann sich denken, dass sie vielleicht befeuchten und das yin tonisieren. Oder eine Pflanze hat sehr feine Blätter und Blüten und ein sehr intensives Aroma und man kann sich denken, dass sie vielleicht Nässe und Schleim bewegt oder das qi reguliert.

Interessant war für mich zum Beispiel, dass die Blätter von Dang gui (angelica sinensis) ein bisschen aussehen wie Sellerie und auch sehr ähnlich schmecken. Anastacia hat mir dann erklärt, dass die beiden tatsächlich zu gleichen Familie gehören. Ist also alles gar nicht so anders als das, was bei uns im Garten wächst!

Angelica sinensis

Dang gui - Radix angelica sinensis (Quelle: vertigopower.com)

Weiterhin war es für mich schön zu sehen, wie verschieden die einzelnen Arten einer Pflanze sein können. Mir ist jetzt endlich bewusst, was für einen Unterschied es macht, wenn man die chinesische Variante einer Pflanze verwendet, deren Gattung auch bei uns heimisch ist. Es handelt sich einfach um völlig verschiedene Pflanzen!

Europäischer Weißdorn

Chinesischer Weißdorn - Crataegus pinnatifida

Auf den Bildern ist es zwar nicht ganz so schön zu sehen, aber die Beeren des chin. Weißdorns sind viel größer als unsere. Oft sind die Teile einer Pflanze, die man auch medizinisch nutzt, jene, die am besten entwickelt sind.

Anastacia bietet diese Kräuterwanderung fast jeden Monat an. Sollte ich bis dahin wieder in der Gegend sein, werde ich auch im Dezember daran teilnehmen. Aufgrund des Klimas hier werden zwar eine Menge Pflanzen mehr oder weniger „Winterschlaf“ halten, aber eben nicht alle. Außerdem macht es denke ich auch Sinn, die Kräuter in verschiedenen Stadien zu sehen.

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Rothenburg #2

 

[english version below]

Zu den Referenten, die mir am meisten im Gedächtnis bleiben werden, gehört auch Gunter Neeb. Am Sonntag hörte ich seinen Vortrag über die Feuerschule (Huo Shen Pai – „Feuer-Geist-Schule“), eine medizintheoretische Richtung in der Chinesischen Medizin, insbesondere der Arzneimitteltherapie, entstanden im 19./20. Jahrhundert. Bezeichnend für diese Schule ist der Fokus auf eine Schwäche des primären Feuers als Hintergrund für einen Großteil der Krankheiten, besonders unserer heutigen Zivilisationskrankheiten. Demzufolge steht auch eine Behandlung mit vorwiegend stark wärmenden, yang-tonisierenden Arzneimitteln im Vordergrund, z.B. Fu Zi (präparierter Aconit, also chin. Eisenhut), Rou Gui (Zimtrinde aus Vietnam) und Gan Jiang (getrockneter Ingwer), oftmals in sehr hohen Dosen. Natürlich war auch die richtige Verwendung und Dosierung des normalerweise giftigen und in Deutschland apothekenpflichtigem Fu Zi ein großes Thema. Wichtig ist es aber zu erwähnen, dass in der Feuerschule natürlich nicht nur yang-tonisierend arbeitet. Eine präzise Musteridentifikation und eine differenzierte Anwendung der Kräuter, auch der kühlenden, ist hier genauso wichtig wie in der gesamten Bandbreite der Chinesischen Medizin. Betont wird hier nur der Aspekt, dass die Bedeutung der Schwächung der grundsätzlichen yang-Vitalität in unserer Wohlstandsgesellschaft größer ist, als uns das oberflächliche Muster eines Klienten manchmal vermuten lässt. So kann zum Beispiel, nach dem Prinzip der Feuerschule, eine Krankheit mit Hitzesymptomen durchaus mal mit wärmenden und tonisierenden Kräutern behandelt werden, vorausgesetzt der Hintergrund ist eine Schwächung des primären yangs. Grundlage für die korrekte Anwendung ist aber, wie gesagt, eine sehr genaue Mustererkennung.  Alles klar?

Da mir die Feuerschule zuvor höchstens dem Namen nach ein Begriff war, war es für mich vor allem interessant, etwas über die unterschiedlichen Ansätze innerhalb der Chinesischen Medizin zu lernen. Denn wie Jeffrey Yuen auch auf dem Kongress sagte, ist es ein weit verbreitetes Missverständnis, dass die Chinesische Medizin ein vereinheitlichtes System darstellt. Hinter der Vereinheitlichung unter dem Begriff der sogenannten TCM stecken klare politische Gründe. Deshalb ist es immer notwendig, sich mit verschiedenen Facetten derselben Sache zu beschäftigen. Eine Beschränkung ausschließlich auf die einst gelernte Variante einer Sache (unabhängig vom Fachgebiet) ist immer ein Denken „only inside the box.“ Eine gute Überleitung, denn der nächste Artikel wird sein über den Herrn Jeffrey Yuen und seinen Vortrag in Rothenburg.

Gunter Neeb hat übrigens auch eine ganze Reihe Bücher zum Thema verfasst.

 

Among the speakers that I will definitely remember a long time was also Gunter Neeb. On Sunday I was attending his speech on the Fire School (Huo Shen Pai – „Fire Spirit School“), a special branch of Chinese Medicine, particularly phytotherapy, that was developed in the 19./20. century. Characteristic of this approach is the focus on the weakness of the primordial fire (yang) as the background for the major part of the diseases, especially our modern lifestyle diseases. Therefore there is a certain emphasis on a treatment involving very warming, yang tonifying herbs, such as Fu Zi (prepared chinese aconite), Rou Gui (vietnamese cinnamon bark) and Gan Jiang (dried ginger), often using very high doses. Of course we were also dealing with the proper preparation and dosage of the usually toxic aconite. It is important to mention that the Fire School is of course not exclusively working with yang tonics. An individually correct pattern discrimination and the differenciated usage of herbs, also the cooling ones, is of course as important as always in Chinese Medicine. It just stresses the fact, that the significance of yang deficiency in our affluent society is bigger than you can see in some clients‘ patterns at first glance. So for example a disease involving signs of heat can sometimes be treated with warming and yang tonifying herbs, IF the underlying process is a weakness of primordial yang. Keep in mind that the basic tool for this kind of treatment is, as I already said, the very exact pattern discrimination.

 Since the term „Fire School“ merely rang a bell with me before this, and I also have, because of my still limited knowledge of herblore, no possibility to use it, the most interesting thing for me was to learn something new about the many different aspects within the vast field that is Chinese Medicine. Like Jeffrey Yuen said at the plenary in Rothenburg, it is a common misunderstanding that Chinese Medicine is a standardized system. There are some political reasons for the standardization of the so called TCM. Therefore, it is always necessary to deal with the many different facets of the same matter. An exclusive limitation to the once learned version of anything (including any kind of profession, really) always means thinking only inside the box.

The next article will be about Mr. Jeffrey Yuen and his speech in Rothenburg.

By the way, Gunter Neeb is the author of several books on this matter, some of them are even translated to English.

 

 

TCM Kongress Rothenburg

Ich hatte die letzte Woche das besondere Vergnügen, am 42. TCM-Kongress in Rothenburg teilzunehmen. Ich bin sehr froh, mir diese Erfahrung vor allem finanziell geleistet zu haben und alles in allem bin ich heute sehr inspiriert und motiviert zurückgekommen. Ich habe eine ganze Reihe ausgezeichneter Referenten erlebt, auf deren Vorträge ich mich zum Teil schon im Vorfeld sehr gefreut hatte und die mich auch nicht enttäuscht haben, ganz im Gegenteil.

Das Kongresszentrum Wildbad liegt im beschaulichen Taubertal und ist aufgrund dessen Lage fast unmöglich als Ganzes zu fotografieren, es sei denn, man sitzt in einem Helikopter. Deswegen hier nur ein paar Eindrücke der näheren Umgebung.

Last week it was my special pleasure to attend the 42th TCM Congress in Rothenburg, Germany. I’m very happy about the decision to go there and therefore gain all these wonderful experiences and I came back today very inspired and motivated. I was allowed to see a couple of amazing lecturers who I was already looking forward to see and who didn’t disappoint me (on the contrary).

The Congress Center „Wildbad“ lies in the romantic Taubertal (valley of the river „Tauber“) and is due to its location almost impossible to photograph, unless you are sitting in a helicopter. Hence only a couple of impressions of the surrounding area.

Bogengang
Place for Taijiquan practice.
Just a couple of the many stairs you have to walk down to get to the Kongresszentrum.
Just a couple of the many stairs you have to walk down to get to the Kongresszentrum.
Towngate at night.

Unter meinen Lieblings-Referenten war auf jeden Fall Lillian Bridges, die ein Tagesseminar mit dem Thema „Trapped Fire and inaccessible Jing“, also „Festsitzendes Feuer und unzugängliches Jing“ hielt. Als international bekannte und geschätzte Spezialistin für Gesichtsdiagnose ging es natürlich um jene Zeichen im Gesicht, die auf eine Stagnation hinweisen, die den frei nutzbaren Fluss des Jing blockieren, oftmals mit emotionalen Hintergründen. Nicht nur fachlich beeindruckend, sondern auch unheimlich sympathisch und inspirierend. Hier bloggt sie übrigens selbst zum Thema Ernährung, leider nur auf englisch.

Among my favourite lecturers was of course Lillian Bridges, who held a one day seminar on „Trapped Fire and inaccessible Jing“. As an internationally renowned specialist for facial diagnosis it was of course about those signs in the face that indicate stagnations which block the free flow of Jing in the body, often with an emotional background. Not only professionally impressive but also very likable and inspiring. This is her own blog on diet.

Ich werde demnächst noch mehr Artikel posten zu den verschiedenen Referenten, darunter Heiner Fruehauf, Jeffrey Yuen und Gunter Neeb.

I’m going to post some more articles about the different lecturers, among them Heiner Fruehauf, Jeffrey Yuen and Gunter Neeb.

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