Berkeley Harmony

So weit entfernt von zu Hause haben die Weihnachtsfeiertage eine ganz andere Qualität für mich – bisher waren es diese letzten zwei Wochen, die für mich am produktivsten waren, wenn man mal die gesamte Reise so betrachtet. Natürlich war das ganze Herumgereise auf eine völlig andere Art ebenso reich an Erfahrung und Gelerntem, aber nun habe ich endlich Zeit und Gelegenheit, zu studieren, mich zu fokussieren, aber auch ein bisschen zu erholen und zu sammeln. Doch nochmal von ganz vorne…

Anfang Dezember führte mich meine Reise zurück nach San Francisco. Nur um den Überblick zu bewahren: Ich bin in einem Monat ganz schön rumgekommen und habe die USA fast einmal komplett umrundet. Mit dem Zug ging es zuerst nach Portland, dann nach Minneapolis und Umgebung, dann nach New York und dann nach Miami und schließlich wieder zurück nach Kalifornien…

Die Reise war ein Traum, lehrreich, aufregend und etwas, das ich niemals vergessen werde. Trotzdem wurde mir nach meiner Rückkehr schnell bewusst, wie anstrengend und erschöpfend so eine Unternehmung gleichzeitig ist. Also entschied ich mich, für den Rest meines Aufenhalts erst einmal in der Bay Area zu bleiben und mich tatsächlich mit etwas handfesteren Dingen zu beschäftigen.

Und wie das anscheinend so üblich ist, wenn man auf Reisen und mit positiver Einstellung unterwegs ist, haben sich auch gleich gefühlte hundert Möglichkeiten der sinnvollen Beschäftigung ergeben.

Gerade wohne ich zur Zwischenmiete in einem wunderschönen Haus in Berkeley. Nach Monaten voll von Couchsurfing, Luftmatratzen, Hostels und geteilten Zimmern ein eigenes Zimmer zu haben ist ein wahrer Segen und erscheint mir fast wie ein unmöglicher Luxus ;) Mitte Januar habe ich dann zwei Wochen Hauslosigkeit (eine wunderbare Gelegenheit für Abenteuer, wie ich mittlerweile weiß) und ziehe dann in eine neue Zwischenmiete, ebenfalls in Berkeley.

Ich hatte endlich die Gelegenheit einem Kurs von Liu Ming beizuwohnen, der in Oakland eine daoistische Gemeinschaft, den Da Yuan Circle, unterhält. Der Kurs findet einmal im Monat statt und dreht sich im Grunde um die Anpassung an die jeweilige Jahreszeit mit Ausblick auf Ernährung, Lebensweise, Astrologie und Rituale. Obwohl das für mich im ersten Moment etwas abstrakt und esoterisch klang, konnte ich sehr viel entdecken, was dem, was wir in der Thammavong Schule unterrichten, sehr ähnlich ist. Ich war unheimlich froh, diesen Kurs besucht zu haben. Ich kam gerade zurück von meiner Reise, war unheimlich müde und ein bisschen krank und zudem etwas unruhig, weil ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, wie meine Reise weitergehen sollte. Die Hauptbotschaft des Seminars war folgende: Im Winter zieht sich das yang hauptsächlich zurück, um das yin zu regenerieren und im Inneren zu wirken, um dann im Frühjahr erneut nach außen zu treten. Deshalb ist der Winter die Zeit der yin-Regeneration, des Rückzugs und der Erholung der Kräfte. Liu Mings Hauptaussage war, dass es gerade um die Zeit der Wintersonnenwende am natürlichsten ist, gar nichts zu tun, auszuruhen, zu schlafen und zu Kräften zu kommen. Keine Zeit der großen Aktivität nach außen. Das war meine Rettung, fast sofort ging es mir besser und ich war inspiriert, den Rest meiner Zeit hier fast ein bisschen häuslich zu werden und erstmal abzuwarten und mich mit ruhigeren Dingen zu beschäftigen. Kurz darauf fand ich das Zimmer hier und auch Anastacia White zum zweiten Mal.

Liu Ming

Weil ich gerne nicht mehr nur Eindrücke sammeln wollte, sondern auch konkret etwas für meine Weiterbildung tun wollte, habe ich nach meiner Rückkehr auch Anastacia White kontaktiert (hier der Artikel zu ihrer Kräuterwanderung) und sie gefragt, ob sie bereit wäre mir etwas über chinesische Kräuter beizubringen. Schließlich ist das der nächstsinnvolle Schritt in meiner Ausbildung und etwas, das mich sowieso erwartet, sobald ich wieder zu Hause bin! Sie hat sofort ja gesagt, und meine anfänglichen Bedenken, ob denn eine Stunde Kräuterlehre in der Woche genug sei, um mich zu beschäftigen, wurden sofort zerstreut angesichts des riesigen Bergs an Hausaufgaben, den ich nach der ersten Stunde aufbekam…:) Darüber freue ich mich riesig, es gibt mir die Chance mich auf etwas wichtiges zu konzentrieren, hierzubleiben, die Gegend kennenzulernen und etwas mit nach Hause zu nehmen, das immens wichtig ist für meine Zukunft als Gesundheitsberaterin. So beschäftige ich mich jetzt jeden Tag ein bisschen mit der Materia Medica und arbeite mich Schritt für Schritt durch dieses riesige Thema.

Anastacia White

Nicht zuletzt sollte dann auch noch eine wichtige Person in meinem Lernprozess erwähnt werden: Dr. Alex Feng. Ich habe ihn als Organisator des Taoist Gathering, einer Taoistischen Konferenz in Oakland im Oktober kennengelernt und habe kurz darauf seinen Tai Chi Kurs besucht. Ich bin so froh, durch meine temporäre Sesshaftigkeit in Berkeley seine Kurse nun regelmäßig besuchen zu können. Zweimal die Woche gehe ich also zum Tai Chi im Zhi Dao Guan – The Taoist Center und lerne die Chen-56-Form, viel Chi Sao und Zentrierungsübungen inklusive. Er ist ein wunderbarer Lehrer, sehr sanft und poetisch aber auch kraftvoll und beeindruckend in seiner Kampfkunst.

Shi Fu Dr. Alex Feng

Mit dieser Kombination fühle ich mich sehr erfüllt und lerne eine Menge, vieles ist schwer zu beschreiben und fühlt sich eher an wie eine Vertiefung und Sicherung von Dingen, die ich schonmal gelernt habe. Vieles ist aber auch neu und eröffnet neue Sichtweisen und Perspektiven. Wo Fragen beantwortet werden, eröffnen sich ständig neue. I ♥ Daoism.

Achja, um mehr über Liu Ming, Anastacia und Dr. Feng zu lernen, klickt einfach auf die Bilder…leider nur auf Englisch.

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Kräuterwanderung – Herbwalk in Berkeley, CA

[english version is in the works…]

Ich muss einen Artikel schreiben, sonst ist der Tag, über den ich berichten will, schon zu lange vergangen! Am Sonntag habe ich an einer Führung durch den Botanischen Garten in Berkeley teilgenommen, mit besonderem Fokus auf die Abteilung für chinesische medizinische Kräuter. Es war ein wundervoller Tag, der Garten ist wirklich sehr umfassend und meiner Meinung nach wesentlich schöner als der San Francisco Botanical Garden! Also wer mal hier in der Gegend ist, sollte den kleinen Kurztrip (hier zu sehen auf der Karte) nach Berkeley wagen und den dortigen Garten besuchen.

Ich hatte das Glück, dass die Gruppe an diesem Tag sehr klein war. Nur Anastacia White, die Leiterin der Kräuterwanderung und ein weiterer Gast waren anwesend, sodass die ganze Unternehmung einen sehr privaten Charakter hatte und dadurch wesentlich intensiver und lehrreicher war als etwa in einer 20-köpfigen Gruppe. Anastacias Art zu unterrichten hat mir wirklich gut gefallen und ich bin ihr sehr dankbar für die Möglichkeit, einen wichtigen Teil der chinesischen Materia Medica einmal live und in Farbe zu erleben.

Das Erlebnis, die Pflanzen auch in ihren verschiedenen Wachstumsstadien zu sehen hat eine neue Dimension zu meinem Verständnis der chinesischen Kräuter hinzugefügt. Ich finde es schwer, dass auszudrücken, aber ich konnte mir immer kaum vorstellen, dass diese ganzen getrockneten Wurzeln, Zweige, Samen und Blätter tatsächlich das Endprodukt einer Pflanze sein sollen, die in anderen Teilen der Welt wächst wie bei uns Beifuß oder Brennnesseln (abgesehen von den seltenen und gefährdeten Kräutern, versteht sich).  Sie wachsen zu sehen hat für mich die gefühlte Kluft zwischen unseren heimischen Kräutern und den asiatischen (und amerikanischen, afrikanischen, usw…) erheblich verringert.

Huang qi - Radix astragali (Quelle: http://chinese.herbs.webs-sg.com/articles_1.html)

Huang qi - Radix astragali (Quelle: http://chinese.herbs.webs-sg.com/articles_1.html)

Huang qi - Astragalus membranaceus

Astragalus membranaceus

Die Fotos sind leider nicht die allerbesten und mit meinem Netbook kann ich sie nicht bearbeiten, aber für den Moment muss es wohl reichen…

Mit Anastacias Hilfe bin ich auch der Beantwortung meiner ewigen Frage, wie die Menschen angefangen haben, die Wirkweise von Kräutern zu entdecken, etwas nähergekommen. Natürlich wusste ich auch schon vorher, dass sich der Charakter der Wirkweise vieler Pflanzen auch in ihrer Erscheinung oder Manifestation ausdrückt, sprich dass man ihnen in einem gewissen Rahmen ihre Qualitäten ansieht. Wenn man einmal die Gelegenheit hat, die frischen Pflanzen anzufassen, zu riechen und zu schmecken, dann weiß man, was damit gemeint ist. Einige Pflanzen fühlen sich einfach kühl und feucht an und man kann sich denken, dass sie vielleicht befeuchten und das yin tonisieren. Oder eine Pflanze hat sehr feine Blätter und Blüten und ein sehr intensives Aroma und man kann sich denken, dass sie vielleicht Nässe und Schleim bewegt oder das qi reguliert.

Interessant war für mich zum Beispiel, dass die Blätter von Dang gui (angelica sinensis) ein bisschen aussehen wie Sellerie und auch sehr ähnlich schmecken. Anastacia hat mir dann erklärt, dass die beiden tatsächlich zu gleichen Familie gehören. Ist also alles gar nicht so anders als das, was bei uns im Garten wächst!

Angelica sinensis

Dang gui - Radix angelica sinensis (Quelle: vertigopower.com)

Weiterhin war es für mich schön zu sehen, wie verschieden die einzelnen Arten einer Pflanze sein können. Mir ist jetzt endlich bewusst, was für einen Unterschied es macht, wenn man die chinesische Variante einer Pflanze verwendet, deren Gattung auch bei uns heimisch ist. Es handelt sich einfach um völlig verschiedene Pflanzen!

Europäischer Weißdorn

Chinesischer Weißdorn - Crataegus pinnatifida

Auf den Bildern ist es zwar nicht ganz so schön zu sehen, aber die Beeren des chin. Weißdorns sind viel größer als unsere. Oft sind die Teile einer Pflanze, die man auch medizinisch nutzt, jene, die am besten entwickelt sind.

Anastacia bietet diese Kräuterwanderung fast jeden Monat an. Sollte ich bis dahin wieder in der Gegend sein, werde ich auch im Dezember daran teilnehmen. Aufgrund des Klimas hier werden zwar eine Menge Pflanzen mehr oder weniger „Winterschlaf“ halten, aber eben nicht alle. Außerdem macht es denke ich auch Sinn, die Kräuter in verschiedenen Stadien zu sehen.

Hirtentäscheltinktur – Shepherd’s purse tincture

[english version below]

Inspiriert von der Kräuterwanderung am Wochenende, habe ich mich dann auch mal wieder selbstständig mit unseren heimischen Kräutern beschäftigt und eine Hirtentäscheltinktur angesetzt. Hirtentäschel fällt aus Sicht der Chinesischen Medizin in die Kategorie Xue bewegende und blutstoppende Kräuter. Für unsere Tinktur ist vor allem diese blutstillende Wirkung bekannt, weshalb sie auch eigentlich in jede Hausapotheke gehört.
Hirtentäschel kann auch als Tee bei innerlichen Blutungen angewendet werden, sowie bei Blut im Stuhl, im Urin oder auch im Auswurf. Die aber wohl nützlichste Anwendungsweise ist es, frisch zerkauten Hirtentäschel auf eine blutende Wunde (z.B. leichte Schnittwunde) zu legen, um dieser Einhalt zu gebieten.Dies sollte selbstredend niemanden davon abhalten, einen Krankenwagen für schwere Blutungen zu rufen.

Source: Culpepper's Complete Herbal

Hat man keinen frischen Hirtentäschel zur Hand, oder lässt die Jahreszeit seine Ernte nicht zu, so macht die Herstellung einer Tinktur allein schon aus Halbarkeitsgründen Sinn. Außerdem kommt hier durch den Alkohol eine gewisse desinfizierende Wirkung hinzu.
Für meine Tinktur habe ich außerdem auch noch Beifuß und Schafgarbe verwendet. Beide bewegen das Xue und kontrollieren Blutungen, wobei der Beifuß noch eine gewisse schmerzlindernde Wirkung hat, welche uns ja bei der Behandlung von blutenden Wunden ebenfalls zugute kommt. Beifuß ist sowieso ein ganz tolles Kraut und wächst bei uns an jeder Ecke. Dazu später mehr.
Eine Tinktur herzustellen ist denkbar einfach. Man benötigt:

– ein Gefäß zum Ansetzen der Tinktur
– frische Kräuter, die etwa die Hälfte bis zwei Drittel dieses Gefäßes füllen
– alkoholische Flüssigkeit, 30-40%ig, am besten Wodka
– eine dunkle Flasche oder ein dunkles Glas zum aufbewahren der Tinktur

Mugwort, yarrow, vodka and shepherd's purse

Man zerschneidet nun die frisch gesammelten Kräuter und füllt sie in dem gewünschten Verhältnis in das Gefäß. Je nach Bedarf und Kenntnis können Einzelkräuter oder ganze Formeln verwendet werden. Eine Konbination von Kräutern kann manchmal sicherer sein als ein Einzelkraut! Dies übergießt man dann mit dem Wodka. Die Kräuter absorbieren einen Teil der Flüssigkeit, man muss also evtl. mit der Zeit etwas nachgießen. Das Ganze wird nun für 14 Tage an einem warmen Ort gelagert, wobei es täglich ein wenig geschüttelt werden sollte, da sich sonst eine isolierende Ummantelung um die Kräuter bildet. Nach zwei Wochen ist die Tinktur fertig und kann durch ein Baumwolltuch o.ä. abgeseiht
werden. Am besten man füllt sie nun in ein dunkles Gefäß und lagert sie an einem relativ lichtgeschützten Ort. Auf diese Art und Weise ist eine Tinktur mehrere Jahre lang haltbar.
Bei dem nächsten Küchenunfall dann einfach ein bisschen Hirtentäscheltinktur drauf, Zähne zusammenbeißen und die Blutung sollte dann ziemlich schnell stoppen. Bedenke, dass dies nur geeignet ist für relativ milde Schnitte und Wunden.

Inspired by the herbwalk at the weekend, I have been dealing with local herbs on my own and prepared a shepherd’s purse tincture. shepherd’s purse from the Chinese Medicine point of view moves the xue and stops bleeding. For our tincture this blood stopping effect is commonly known and therefore it belongs into every home medicine chest.
As a tea or decoction it is also applied for internal bleedings, as well as in blood in the urine, stools or sputum. The probably most handy application is putting the freshly chewed herb onto a bleeding wound (like a small cut, for example), to stop the bleeding immediately. This should of course not keep you from calling an ambulance for heavy bleeding.
If there’s no fresh shepherd’s purse around or the season doesn’t allow the harvest of it, the preparation of a tincture really makes sense for the reason of storage life. Especially if you want to use is for cuts and the like, the disinfectant effect of the alcohol is also beneficial.
For my tincture I also used mugwort and yarrow. Both move the xue and control bleedings mugwort also has some kind of a pain relieving effect. Mugwort is a really great herb and literally grows on every corner. But more about that later.
Making a tincture is really easy. You need:

– a container for preparing the tincture
– fresh herbs that fill up half to two thirds of the container
– alcoholic liquid, 30-40% alcohol, vodka is fine
– a dark bottle or glas for storage

You cut the freshly collected herbs and put them in the container in the desired proportions. Depending on your intentions and level of herb-knowledge you can use single herbs or whole formulas. Using a combination of herbs is sometimes safer than using a single one! Now you pour the vodka over the herbs and close the container. Keep in mind that the herbs will absorb some of the fluid, so you might have to add more later. Now you should store this in a warm place for 14 days and remember to give it a shake every now and then, to keep the herbs from building up a coating around them. After two weeks the tincture is ready to be filtered through a cloth and filled into the bottle or glas you want to keep it in. If you store it in a relatively dark place it will be preserved for a couple of years.
So for the next kitchen accident put some shepherd’s purse on it, grit your teeth and the bleeding should stop pretty quickly. Remember that this is meant for relatively mild cuts and wounds.

Kräuterwanderung – Herbwalk

[english version below]

Herbwalk in the beautiful meadows of my home.

Durch meine Teilnahme an einem einjährigen Kurs zum Thema regionale Heilkräuter aus der Sicht der Chinesischen Medizin hatte ich gestern die große Freude an einer geführten Kräuterwanderung teilnehmen zu können. In der letzten Zeit hat sich bei mir ein deutliches Interesse herauskristallisiert, nicht nur für die professionelle medizinische Anwendung von Nahrungsmitteln und Heilkräutern, sondern vor allem auch für deren Nutzen im Alltag, d.h. bezüglich Hausapotheke, der therapeutischen Wirkung verschiedener Nahrungsmittel und Erste Hilfe oder Notfallmethoden. Somit hat dann auch zum Beispiel dieses Buch auf dem Rothenburg Kongress sofort meine Aufmerksamkeit erregt und ohne lange zu fackeln den Weg in meinen Bücherschrank gefunden. Es geht im Grunde um die einfache und sichere Verwendung klassischer chinesischer Kräuter aber auch in jedem Haushalt zu findender Lebensmittel für den Hausgebrauch bei den unterschiedlichsten Beschwerden. Ich finde, das ist erstens exzellent zum studieren der Kräuter geeignet, da die angegebenen Dosen und Kombinationen bei halbwegs korrekter Musteridentifikation relativ ungefährlich sein dürften (trotzdem wahrscheinlich nicht zu unterschätzen!) und gehört zweitens zu der Art von Wissen, die auf keinen Fall verloren gehen darf. Über meine Erfahrungen damit werde ich sicherlich berichten. Wer Buchtips oder anderweitige Hinweise in der Richtung für mich hat, immer nur her damit.

Bei unserer Wanderung in meiner schönen Heimat war ich als Kräuterneuling auf jeden Fall sehr überrascht, welche unheimliche Vielfalt an nützlichen Kräutern so auf dem gemeinen Weg- und Wiesenrand wächst. Ich kann es kaum erwarten, mich immer weiter in dieses Thema zu stürzen und dieses Potenzial irgendwann kreativ für mich nutzen zu können. Besonders angesichts unserer heutigen pharmakologischen Situation ist es für mich, auch wenn das etwas übertrieben klingen mag, eine Sache des Überlebens, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen, gewährt es doch eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber möglicherweise voreiliger und evtl. unangemesser Medikation seitens der Schulmedizin (im wohl betonten Gegensatz zur rechtzeitigen und angemessenen Medikation, die ich hier keinesfalls verteufeln möchte).

In the course of my participation in a herb class focused on regional european herbs from the viewpoint of chinese medicine, it was my greatest pleasure to take part in a guided herb walk yesterday. During the last couple of month my interest not only in the professional medical application of herbs has increased, but also and especially their possibilities of usage in daily life, as in simple home remedies for all kinds of ailments, the therapeutical effect of foods, or first aid or emergency methods.

That’s why this book immediately caught my attention at the Rothenburg and soon found its way onto my bookshelf at home. Basically it is about the safe and simple application of classical chinese herbs and even foods you find in every household using very simple combinations. I think this is excellent for studying herbs since the combination and dosages should be, a reasonably correct pattern discrimination provided, not that dangerous or even toxic (although I also think you should never underestimate a herb that you don’t know). Secondly in my opinion this belongs to the kind of knowledge that has to be preserved and developed. I will propably keep you informend about my experiments with these recipes. If you have any book recommendations or other advice regarding this matter, please share!

During our herbwalk in my beautiful home I as a herb-newbie was kind of surprised what enourmous variety of useful stuff is growing right at the most common waysides and meadows. I really can’t wait to dig into this topic and someday to be able to use this potential in a creative way. Especially facing our pharmacological situation today for me, although this might sound exaggarated, learning these things is a matter of survival. What you get is some kind of independence of possibly overhasty and inappropriate western medication (as opposed to well-timed and appropriate western medication of course that I really don’t want to demonize).

Die Feuerschule – The Fire School

[english version below]

Ich wurde heute an anderer Stelle gefragt, was denn genau die Feuerschule nun ist, und habe dazu noch einen etwas ausführlicheren Text verfasst, oder besser gesagt, ihn mir gezwungenermaßen in 5 Minuten aus den Fingern gesaugt. Trotzdem wollte ich ihn euch nicht vorenhalten. Natürlich kann ich das nur so erklären, wie ich es anhand von 2 Vorträgen verstanden habe.
Es gibt ja verschiedene fachliche Richtungen in der Chinesischen Medizin, die sich über die Jahrhunderte entwickelt haben, ganz je nach dem, wie die Leute und die Gesellschaft in der jeweiligen Zeit so drauf waren. Die einen haben dann mehr Wert gelegt auf das Tonisieren, die anderen auf das Sedieren, Wärmen, Kühlen und so weiter. Meistens geht es dabei um Kräuter. Und so im 19./20. Jahrhundert ist die Feuerschule entstanden, nach deren Ansicht in unserer Wohlstandsgesellschaft von heute der Hintergrund für viele Krankheiten ein Mangel von prim. yang ist. Deswegen konzentrieren die sich viel auf das Wärmen und Tonisieren von yang und benutzen viele sehr heiße Kräuter, oft in hohen Dosen. Natürlich ist es genauso wichtig, ein richtiges Muster zu machen und es werden in den entsprechenden Fällen auch andere Kräuter angewendet. Interessant war aber, dass man also auch bei Mustern mit Hitze-Zeichen wärmende Kräuter geben kann, solange der Hintergrund dafür ein Mangel an yang ist.
Und da wurde es dann interessant, denn Gunter Neeb hat dann das Muster „yin-Feuer“ erklärt, was nicht zu verwechseln ist mit Leere-Hitze, sondern vielmehr eine Hitze durch yang-Mangel beschreibt.
Kurz gefasst: Wenn das prim. yang mangelt und das yin relativ überwiegt, kann das übrige yang nicht ankämpfen gegen das viele yin und sucht sich einen anderen Platz im Körper, d.h. verhält sich entsprechend seiner physikalischen Natur und steigt auf. Typisches Zeichen hierfür sind Kälte- und Mangelzeichen im unteren Körperbereich und Hitzezeichen oben, bzw. außen (Haut!) – Zitat Kiiko Matsumoto: „Gesundheit bedeutet: Warme Füße und ein kühler Kopf, nicht umgekehrt!“ Mythologisch bezeichnet man das als den Drachen, der aus dem Wasser aufsteigt (der aber eigentlich ins Wasser gehört, das Feuer soll ja das Wasser wärmen).
So. Laut der Feuerschule ist es nun so, dass man, wenn man so ein Problem mit kühlenden Kräutern behandelt, durchaus Erfolg haben kann, wenn die Person noch relativ vital ist. Wenn die Person aber geschwächt ist, oder das Problem zurück kommt und man nimmt wieder kühlende Kräuter, dann kann das eigene yang nicht mehr so gut „mithelfen“, die kühlenden Kräuter schwächen weiter und es hilft alles nichts.

Fu Zi (aconite)

Deswegen sagen die, dass man manchmal in so einem Fall wärmen und yang tonisieren muss. Am bekanntesten hierfür sind präparierter chin. Eisenhut (Fu Zi – auf Qualität, Verarbeitung und richtige Zubereitung und Dosierung achten, einfach so ist der Eisenhut sehr toxisch), Zimtrinde (Rou Gui) und getrockneter Ingwer (Gan Jiang). Wichtig ist noch, dass die Feuerschule auch sagt, dass man nicht zu kleine Dosen nehmen darf. Wenn die Dosis zu gering ist, ist alles was passiert, dass die Hitze noch ein bisschen zunimmt, weil man zu der ohnehin schon zu kleinen Armee, die nach oben flüchtet, nur noch ein paar Soldaten hinzufügt, die dann mitflüchten. Deswegen dosieren die manchmal diese Kräuter unheimlich hoch, damit diese Armee so sehr gestärkt wird, dass die die Wärme sozusagen wieder nach unten holen kann. Das unterstützt man dann noch manchmal zum Beispiel mit mineralischen Kräutern oder den ganzen Muscheln die es so gibt und man nennt es „den Drachen wieder ins Wasser locken.“ Da gibt es dann für die Formelkombination ganz viele Möglichkeiten.
So hab ich das verstanden und Gunter Neeb hat aber immer wieder betont, dass das natürlich nciht das einzige ist, was die Feuerschule macht, wenn man z.B. eine echte Fülle-Hitze hat, oder eine yin-Mangel Leere-Hitze, dann macht man natürlich was anderes. Außerdem liegt das Problem hierbei wirklich in der korrekten Diagnose, denn die verschiedenen Arten von Hitze und auch die verschiedenen Stadien von yin-Feuer sind nicht immer so leicht zu unterscheiden.

Auf jeden Fall ein interessanter Ansatz, wenn man weiß, wann und in welcher Form er zu benutzen ist!

Today a friend asked me what exactly the fire school is and so I wrote another text about it, which I was forced to do in about 5 minutes, but I just don’t want to hide it from you (of course I had a little more time for the translation, so I hope it’s not that bad). Please note that I’m only explaining what I heard in two lectures and can only express my view of it to a certain extent.
There are many professional and philosophical branches, even within the field of Chinese Medicine, that developed over the centuries depending on the situation of the society at that time and the way people lived. One school put more emphasis on tonifying, others
were focused on sedation, cooling or warming and so on. These approaches were mostly applied in herbal therapy, but also acupuncture and moxibustion. And so, during the 19./20. century the fire school was developed, stating that in our affluent society today the main background for many diseases (or disharmonies, as we call it in CM) is a deficiency of the primordial yang (mostly known as kidney-yang). Therefore practitioners following this school were focused on the usage of very warm and tonifying herbs, to promote that original yang-energy, often in very high doses. Of course it is just as
important to distinguish the right pattern and use the appropriate strategy for that pattern, applying all kinds of herbs (the cooling ones as well). Now the interesting aspect is that you can use warm herbs even in a pattern with signs of heat, as long as the background
is a yang-deficiency.
Here Gunter Neeb introduced the pattern „yin-fire“ which is not to be mixed up with empty heat but describes a pattern of internal heat through a weakness of the primordial yang.
In a nutshell: If the primordial yang is weak and there is a relative excess of yin the leftover yang cannot compete with the yin and is „fleeing“ to another place in the body, i.e. acts according to its physical nature and ascends. Typical symptoms are signs of cold in the lower or inner parts of the body and signs of heat in the upper or outer parts (skin!) – quoting Kiiko Matsumoto: „Good health means warm feet and a cool head, not vice versa!“
Mythologically we call this the dragon that ascends from its place in the water (the fire has to warm the water).
According to the fire school you can treat a person quite successfully with cooling herbs as long as his or her vitality is still relatively intact. If there’s already a lack of vitality or if the problem is recurring and one uses cooling herbs again, the person’s yang can’t really „support“ the fight against the pathogenic factor, the cooling herbs weaken the body even more and the results of the treatment are not really satisfying.

That is why they say that in cases like this one might want to consider the usage of warm and tonifying herbs. Characteristic of the fire school approach are prepared chinese aconite (fu zi – mind the quality, preparation and dosage, unprepared aconite is quite toxic), cinnamon bark (rou gui) and dried ginger (gan jiang). It’s also important to notice, that the fire school suggests not to take too small doses. If the dose is too small, all that happens is that the heat signs grow worse, because you just add a couple of soldiers to the army that is already to weak and they will just join the others in their flight. What they need is an actual reinforcement. So what you do is apply a really high dosage to strengthen the army of the lower burner so that all the heat can come back down to the place that it belongs. This is supported by some herbs from the mineral kingdom or the many kinds of mussels you use in Chinese Medicine. This is what you call „to lure the dragon back into the water“.
Of course there are a lot of possibilities to create different formulas.
This is my understanding of the fire school so far. Gunter Neeb always stressed the point that this is of course not the only thing that the fire school does. If you have a real massive heat in the body or
if the heat is due to yin-deficiency empty heat you would always use different approaches and different herbs. The difficulty lies in the correct diagnosis and pattern discrimination because the different
kind of heat and also the different stages of yin-fire are not always easy to differentiate.
I think it’s a really interesting approach as long as you know how and when to use it!

Rothenburg #2

 

[english version below]

Zu den Referenten, die mir am meisten im Gedächtnis bleiben werden, gehört auch Gunter Neeb. Am Sonntag hörte ich seinen Vortrag über die Feuerschule (Huo Shen Pai – „Feuer-Geist-Schule“), eine medizintheoretische Richtung in der Chinesischen Medizin, insbesondere der Arzneimitteltherapie, entstanden im 19./20. Jahrhundert. Bezeichnend für diese Schule ist der Fokus auf eine Schwäche des primären Feuers als Hintergrund für einen Großteil der Krankheiten, besonders unserer heutigen Zivilisationskrankheiten. Demzufolge steht auch eine Behandlung mit vorwiegend stark wärmenden, yang-tonisierenden Arzneimitteln im Vordergrund, z.B. Fu Zi (präparierter Aconit, also chin. Eisenhut), Rou Gui (Zimtrinde aus Vietnam) und Gan Jiang (getrockneter Ingwer), oftmals in sehr hohen Dosen. Natürlich war auch die richtige Verwendung und Dosierung des normalerweise giftigen und in Deutschland apothekenpflichtigem Fu Zi ein großes Thema. Wichtig ist es aber zu erwähnen, dass in der Feuerschule natürlich nicht nur yang-tonisierend arbeitet. Eine präzise Musteridentifikation und eine differenzierte Anwendung der Kräuter, auch der kühlenden, ist hier genauso wichtig wie in der gesamten Bandbreite der Chinesischen Medizin. Betont wird hier nur der Aspekt, dass die Bedeutung der Schwächung der grundsätzlichen yang-Vitalität in unserer Wohlstandsgesellschaft größer ist, als uns das oberflächliche Muster eines Klienten manchmal vermuten lässt. So kann zum Beispiel, nach dem Prinzip der Feuerschule, eine Krankheit mit Hitzesymptomen durchaus mal mit wärmenden und tonisierenden Kräutern behandelt werden, vorausgesetzt der Hintergrund ist eine Schwächung des primären yangs. Grundlage für die korrekte Anwendung ist aber, wie gesagt, eine sehr genaue Mustererkennung.  Alles klar?

Da mir die Feuerschule zuvor höchstens dem Namen nach ein Begriff war, war es für mich vor allem interessant, etwas über die unterschiedlichen Ansätze innerhalb der Chinesischen Medizin zu lernen. Denn wie Jeffrey Yuen auch auf dem Kongress sagte, ist es ein weit verbreitetes Missverständnis, dass die Chinesische Medizin ein vereinheitlichtes System darstellt. Hinter der Vereinheitlichung unter dem Begriff der sogenannten TCM stecken klare politische Gründe. Deshalb ist es immer notwendig, sich mit verschiedenen Facetten derselben Sache zu beschäftigen. Eine Beschränkung ausschließlich auf die einst gelernte Variante einer Sache (unabhängig vom Fachgebiet) ist immer ein Denken „only inside the box.“ Eine gute Überleitung, denn der nächste Artikel wird sein über den Herrn Jeffrey Yuen und seinen Vortrag in Rothenburg.

Gunter Neeb hat übrigens auch eine ganze Reihe Bücher zum Thema verfasst.

 

Among the speakers that I will definitely remember a long time was also Gunter Neeb. On Sunday I was attending his speech on the Fire School (Huo Shen Pai – „Fire Spirit School“), a special branch of Chinese Medicine, particularly phytotherapy, that was developed in the 19./20. century. Characteristic of this approach is the focus on the weakness of the primordial fire (yang) as the background for the major part of the diseases, especially our modern lifestyle diseases. Therefore there is a certain emphasis on a treatment involving very warming, yang tonifying herbs, such as Fu Zi (prepared chinese aconite), Rou Gui (vietnamese cinnamon bark) and Gan Jiang (dried ginger), often using very high doses. Of course we were also dealing with the proper preparation and dosage of the usually toxic aconite. It is important to mention that the Fire School is of course not exclusively working with yang tonics. An individually correct pattern discrimination and the differenciated usage of herbs, also the cooling ones, is of course as important as always in Chinese Medicine. It just stresses the fact, that the significance of yang deficiency in our affluent society is bigger than you can see in some clients‘ patterns at first glance. So for example a disease involving signs of heat can sometimes be treated with warming and yang tonifying herbs, IF the underlying process is a weakness of primordial yang. Keep in mind that the basic tool for this kind of treatment is, as I already said, the very exact pattern discrimination.

 Since the term „Fire School“ merely rang a bell with me before this, and I also have, because of my still limited knowledge of herblore, no possibility to use it, the most interesting thing for me was to learn something new about the many different aspects within the vast field that is Chinese Medicine. Like Jeffrey Yuen said at the plenary in Rothenburg, it is a common misunderstanding that Chinese Medicine is a standardized system. There are some political reasons for the standardization of the so called TCM. Therefore, it is always necessary to deal with the many different facets of the same matter. An exclusive limitation to the once learned version of anything (including any kind of profession, really) always means thinking only inside the box.

The next article will be about Mr. Jeffrey Yuen and his speech in Rothenburg.

By the way, Gunter Neeb is the author of several books on this matter, some of them are even translated to English.

 

 

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Please note that I'm only beginning my career in Chinese Medicine. It is not my goal to be historically or scientifically exact, I just want to share my thoughts and process my experiences. If you find something worth a discussion I would love you to leave a comment and will probably benefit from it.